Krampfhafte Enttäuschung durch falsch aufgefasste Literatur

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Am 11.April 2015 hat Nils Ahl, Literaturkritiker und Übersetzer für Niederländisch und die skandinavischen Sprachen, uns erlaubt einen Einblick in die Welt der literarischen Übersetzung zu erhalten.

Die skandinavische Literatur hat in den letzten Jahren einen erheblichen Aufschwung in Frankreich genossen, der durch den Erfolg der skandinavischen Thriller und Kriminalromane ausgelöst wurde. Im 20. Jahrhundert war es schon einmal zu einem solchen Phänomen gekommen. Als die Theater in Paris die Stücke von Strindberg und Ibsen spielten, wurde das Interesse an der nordischen Literatur geweckt. Sylvain Briens, Professor der skandinavischen Literatur, nennt diese Begebenheit „Aufmerksamkeitswellen“. Im Gegensatz zu den kurzweiligen Erfolgen stehen Rezeptionslücken. Es sind die Phasen der Abwesenheit, immer dann, wenn die Erfassung der nordischen Literatur in Frankreich versagt.

Durch das Gespräch mit Nils Ahl konnten wir besser verstehen, wie die Verbreitung der skandinavischen Literatur im Ausland funktioniert, aber eben auch, warum sie es manchmal nicht tut.

Die Literaturrubriken in der Presse widmen der ausländischen Literatur meist nur ein oder zwei Seiten. Allerdings lässt die Struktur eine Doppelhierarchie erkennen. Zuerst wird die ausländische Literatur rezensiert, die immer präsent ist (die angelsächsische Literatur), danach die Literatur von der ab und zu die Rede ist (die deutschsprachige, italienische oder spanischsprachige Literatur) und dann wird eventuell die ausländische Literatur erwähnt, die gerade interessant ist.
Gerechterweise müsste man eigentlich von angelsächsischer und ausländischer Literatur sprechen. Eine literarische, bunt gemischte Gruppe verliert sich dadurch aber in der Masse der ausländischen Literatur. Es handelt sich um die „exotischen“ Literaturen (z.B.: Chinesisch und Japanisch) und die „nicht-exotischen“ (Literaturen aus kleineren europäischen Ländern, je nach Mode oder sog. Welle). Das Problem ist, dass die Journalisten diese „Minderheitensprachen“ nicht sprechen, die man wie folgt ordnen kann:

1. Die österreichische Literatur: Es handelt sich hierbei um einen interessanten Fall, mit dem Vorteil in deutscher Sprache geschrieben zu sein (Jelinek, Handke, Winkler, Bachmann). Diese Literatur sollte also grundsätzlich „bekannt“ sein. Doch die Realität sieht anders aus. Schriftsteller wie Winkler, sind vor allem für sachkundige Leser, Studenten, Wissenschaftler etc. ein Begriff. Aber sie verkaufen nur wenige Exemplare (2000-3000 Stück). Die österreichische Literatur ist vor allem in deutschen Kreisen geläufig.

2. Die niederländische Literatur: Sie umfasst Autoren, die in den Niederlanden sehr bekannt sind, die sich dort sehr gut verkaufen, die sogar in Frankreich gute Kritiken erhalten und die trotzdem nur mittelmäßige Erfolge auf dem französischen Markt erzielen (aber trotzdem besser als österreichische Autoren). Einige Beispiele sind Marget de Moor, Hella S. Hasse, Cees Nooteboom, Arnon Grumberg, Willem F. Hermans. Sogenannte „Mittler“, wie Valéry Larbaud, gibt es einige für die niederländische Literatur. Die Verbreitung dieser Literatur leidet allerdings unter einem zeitlich bedingten Mangel an Informationen. Trotz der Tatsache, dass die niederländische Literatur oft in den Büchergeschäften zu finden ist, scheint es, als ob sie intellektuell nicht verstanden werde, dabei wäre es für die Literatur nur von Vorteil wieder in ihren Kontext eingegliedert zu werden.

3. Die skandinavischen Literaturen: Ihr Einfluss ist von zwei wichtigen Phasen geprägt. Die zweite „Erfolgswelle“ der Kriminalromane erreichte die ganze Welt. Der Beruf des Literaturagenten, der sich dem angelsächsischen Modell folgend stark zwischen den zwei Phasen ausprägte, hat die „Thrillerwelle“ erst ermöglicht. Es scheint, als ob die Thrillerautoren das Monopol auf die Rezeption in Frankreich und anderen Ländern innehätten. Statistisch gesehen ist dies allerdings nicht richtig. Die skandinavische Literatur ist weiter verbreitet als es den Anschein hat. Die Kriminalromane und die anderen literarischen Genres sind quasi auf gleichem Niveau. Per Olof Enqvists Autobiografie „Ein anderes Leben“, die von seiner Alkoholsucht erzählt, wurde mehrere Tausend Male verkauft. P.O. Enqvist hat vom Höhenflug der skandinavischen Literatur profitiert, um seinen Ruf wieder herzustellen. Auch andere Autoren sind auf der „Krimiwelle“ mitgeschwommen. Beispielsweise Sara Stridsberg, die, trotz sehr guter Kritiken, nur mäßige Verkaufszahlen erzielte oder Katarina Mazetti aber, deren Buch sich entgegen der bescheidenen Kritiken hervorragend verkaufte. Während Norwegen sich sehr für die Werbung für seine Literatur einsetzt, ruhen sich Dänemark und Island eher auf dem Einfluss des Duos Schweden-Norwegen aus und investieren selbst wenig in die Literaturbranche.

Laut Nils Ahl leidet die niederländische Literatur vor allem unter einem Mangel an Neugier. Weder bemüht man sich sie zu kennen, noch tut man so, als ob man sie kenne. Wohingegen die nordische Literatur, dank der ersten Welle Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts, den Kritikern positiv in Erinnerung blieb, und diese zumindest meinen, sie zu kennen. Leider schließt diese vermeintliche Kenntnis der Kritiker nicht nur ein ganzes Jahrhundert an Literatur aus, sondern auch die klassische Literatur und viele nicht übersetzte Werke.

Am Ende des 21. Jahrhunderts, im Zuge der zweiten Welle, hat der Däne Gustav Wied einen erheblichen Teil der dänischen Literatur ins Französische übersetzt. Sein Stil ist populär und auch sehr ironisch. Wenn man G. Wied nicht kennt, dann könnte man fälschlicherweise glauben, dass diese Ironie von Von Trier intermedial abgeschaut wurde. Jedoch ist dies nicht der Fall. Selbst wenn die Literatur dadurch bekannt wird, haftet man ihr so ein falsches Bild an.

Es scheint heute so zu sein, dass das Interesse an skandinavischen Autoren schon wieder am Abflauen ist. Sie erhalten schlechtere und weniger Kritiken, außerdem verkaufen sie sich nicht mehr so gut.

Zusammenfassend kann man eine langfristige und umfangreiche Rezeption der skandinavischen Literatur als gescheitert ansehen. Es gibt Phasen der Rezeption, jedoch verbleiben diese lückenhaft. Die Literatur wird zwar kumulativ aufgefasst, trotzdem hat man den Eindruck jedes Mal wieder bei null anzufangen.

Die Literaturkritiker neigen bei Analyseproblemen bezüglich eines Werkes dazu, das auszuwählen, das dem Kanon am meisten ähnelt oder das, das sich davon am stärksten unterscheidet. Sie entscheiden sich für das Sicherste oder aber das Originellste. Die Intermedialität ist auch wichtig: Die Analyse eines Werkes ist nicht dieselbe, wenn man die künstlerische Herstellung berücksichtigt (vor allem bei Filmanalysen) oder das Zeitgeschehen eines Landes. Die norwegische Literatur beispielsweise wird nicht mehr auf dieselbe Art und Weise gelesen, seit der Tragödie von Utøya. Die skandinavische Literatur wird stattdessen oft mit Bergman und Dreyer verglichen, meistens um die Analyse der Autoren zu erleichtern, die etwas schwerer einzuordnen sind.

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