Stefanie Reinsperger, der Schwarm des Wiener Volkstheaters

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Ende Oktober war ich in Wien und habe mir – wie es sich in einer Stadt wie dieser gehört – ein reichhaltiges kulturelles Programm zusammengestellt. Neben Theaterstücken, Kinofilmen und Ausstellungen hatte ich auch vor, österreichische Künstler_innen kennenzulernen. Ich hatte zum Beispiel die Möglichkeit, die Beat-box-Band Wiener Blond zu interviewen.  In dieser Hinsicht habe ich ebenfalls die Schauspielerin Stefanie Reinsperger kontaktiert. Ich hatte sie schon im April 2016 in einem Stück im Volkstheater gesehen, Nora3. Es war eine Neuinszenierung von Ibsens Drama Nora, Ein Puppenhaus mit Texten von Elfriede Jelinek. Die junge österreichische Schauspielerin hatte bei mir damals einen großen Eindruck hinterlassen und ich wollte mehr von ihr erfahren. Aus dem Grund habe ich das Stück Selbstbezichtigung von Peter Handke in einer Inszenierung von Dušan David Pařízek in der Volkstheater-Spielstätte Volx/Margareten gesehen.

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Fotorechte: © http://www.lupispuma.com / Volkstheater

Selbstbezichtigung

Jemand, ein Mann oder eine Frau, man weiß es nicht, vergegenwärtigt sich die Ereignisse seines bzw. ihres Lebens. Doch irritierenderweise erfährt man nichts Persönliches. Zur Sprache kommen Verhaltensmuster – und unausweichliche Fehler.“ Als ich diese Beschreibung von Selbstbezichtigung auf der Webseite des Volkstheater gelesen habe, habe ich gefürchtet dass ich als Nichtmuttersprachler das Stück nicht so gut verstehen würde, da man es hier mit einem ungewöhnlichen Text zu tun hat. Ich las also vorher das Stück von Handke: Es ist kein einfacher Text: keine Handlung, keine Regieanweisungen und keine Szeneneinteilungin in diesem Monolog bei dem fast alle Sätze des Monologs mit „ich habe“ beginnen, was bei der Lektüre etwas eintönig wirkt. Es war freilich kein großes Lesevergnügen.

Umso spannender war dafür die Inszenierung! Dušan David Pařízek hat es meiner Meinung nach geschafft, dem rauen Text Leben einzuflößen, in dem er diesen Beichten die Stimme von Stefanie Reinsperger gibt. Diese Selbstbezichtigung, die bei Handke sowohl eine Sprachkritik als auch eine Denunzierung der „bigotten gesellschaftlichen Schuldbegriffe“(Beschreibung auf der Webseite des Volkstheaters) ist, bekommt mit der österreichischen Schauspielerin einen besonderen Relief und eine humorvolle Dimension. In der Zürcher Zeitung beschreibt Bernd Noak das Spiel von Stefanie Reinsperger folgendermaßen: „Direkt, unberechenbar, eine Wucht, wenn sie aufbraust, in ihrer Verletzlichkeit trotzig, im Zorn gefährlich; mit rauem Charme, mit exhibitionistischer Körperlichkeit, mit einer Komik, vor der man sich in acht nehmen muss, weil sie tiefer geht als nur bis zum Zwerchfell.“ (Link zum Artikel)

Selbstbezichtigung von Peter Handke - Regie Dušan David Pařízek (1).jpg

Fotorechte: © Ulrike Rindermann / Volkstheater

Ein paar Fragen an Stefanie Reinsperger

Henri Fruneau: Auf der Bühne sind Sie eine Stunde lang voller Energie; Sie singen, springen, tanzen, schreien und machen so gut wie keine Pause. Wo haben Sie diese Energie her und wie bereiten Sie sich auf die Aufführung vor?

Stefanie Reinsperger: Es ist auf jeden Fall ein Abend, der mir viel abverlangt. Körperlich, seelisch und vor allem von der Konzentration. Wenn ich weiß, dass der Abend angesetzt ist, mache ich meistens schon ein, zwei Tage vorher den kompletten Text nochmal durch und am Tag der Aufführung komme ich sehr früh in die Spielstätte, wärme mich körperlich und stimmlich lange auf, bin allein in meiner Garderobe, da bin ich dann ungestört und kann mich voll und ganz auf den Abend konzentrieren. Wo die Energie herkommt ist jedes Mal ein wenig anders, manchmal durch viel Konzentration und Ruhe, manchmal aber auch, weil ich davor noch lange Sport mache und so bereit werde, das kommt immer auf den momentanen eigenen Zustand an.

HF: Was war Ihre Reaktion, als Sie erfahren haben, dass Sie einen Monolog von Peter Handke spielen würden? Was waren Ihre Befürchtungen?

SR: Ich habe mich sehr gefreut, als mir der Regisseur Dušan David Pařízek angetragen hat mit mir einen Monolog erarbeiten zu wollen. Ich hatte da aber mehr ein in sich geschlossenes Monodrama im Kopf, eine „richtige“ Rolle und war sehr überrascht, als er mir dann diesen Text vorgeschlagen hat. Ich hatte großen Respekt vor dieser Textfläche und meine größte Befürchtung war, ob ich es schaffen kann, diese Worte zu meinen zu machen, so persönlich wie nur irgendwie möglich. Der Text ist sehr hermetisch, in sich geschlossenen geschrieben, sehr formal. Die größte spielerische Herausforderung war zu jedem der Sätze, zu all diesen Worten meine eigene persönliche Haltung zu kreieren und zu ertasten.

HF: Selbstbezichtigung ist ein eigenartiger Text: ein Monolog von 20 Seiten, in dem fast jeder Satz mit „ich habe“ beginnt. Wie stehen Sie zu diesem Text und was war Ihre Methode, um sich diesen schwierigen Text zu merken?

SR: Je mehr ich mich mit dem Text beschäftigt habe, je weiter wir in den Proben vorgedrungen sind, desto mehr konnte ich eine Art Struktur für mich wahrnehmen und mit dieser arbeiten. Auch das hat das Erlernen etwas vereinfacht. Aber es war wirklich nicht einfach. Ich habe fast 2 Wochen lang meine Wohnzimmerwände mit den Textseiten tapeziert und bin immer wieder auf und ab gegangen, von einer Wand zur anderen und habe stur vor mich hin gelernt. Ich wollte einfach alles schon auswendig können, ich probe nicht gerne mit ungelerntem Text.

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Fotorechte: © Ulrike Rindermann / Volkstheater

HF: In dieser Inszenierung von Selbstbezichtigung sind viele Elemente aus Ihrem eigenen Leben (Kinderfotos, Trailer von vorigen Aufführungen im Volkstheater und im Akademietheater). Woher kam diese Idee?

SR: Wir wollten mit dem Text auch ein wenig unsere gemeinsame Arbeitsgeschichte erzählen, die von Herrn Pařízek und mir. Deshalb die Trailer von unseren gemeinsamen Arbeiten, in der Chronologie. Es ist ein Querschnitt unseres Arbeitsprozesses, unserer gemeinsamen Entwicklung und unseres Kennenlernen als Regisseur und Schauspielerin. Die Kinderfotos kamen in einem weiteren Arbeitsschritt dazu, um den Abend noch persönlicher zu gestalten, nach  Momenten zu suchen, die mal als Foto festgehalten wurden und noch etwas über mich erzählen, was nicht im Text steht.

HF: In einem Interview für die Presse haben Sie gesagt, Frauen sollten Männerrollen spielen. Welche Männerrolle würden Sie gerne spielen?

SR: Ich würde sehr gerne Mal Richard III spielen oder den Mephisto in Faust! Um mal nur zwei zu nennen…..

HF: Was ist Ihrer Meinung nach die Rolle des Theaters in der heutigen Gesellschaft?

SR: Wir haben als Theaterschaffende, als Künstler generell die Chance und Verantwortung auf Probleme, Umstände, Konflikte und Möglichkeiten in unserer Gesellschaft aufmerksam zu machen und das durch wunderbare Texte, Figuren, Charaktere und deren Entwicklungen auf der Bühne. Theater darf sich nicht erlauben, durchschnittlich zu sein. Die anderen Medien sind dazu viel zu groß und präsent (Kino, Internet, etc.) als dass wir dann als Theater dagegen noch ankommen könnten. Aber Theater hat den einzigartigen Live-Faktor, Theater gibt die Chance im Hier und Jetzt aktuell an einem Geschehen teil zu haben, dass nur jetzt in dem Moment so stattfindet. Ein Film wird immer derselbe Film sein, ein Theaterabend wird jeden Abend ein komplett anderer sein. Im Theater können wir real im Hier und Jetzt gemeinsam denken, fühlen und danach handeln. Ich glaube ganz stark daran, dass Theater dadurch etwas verändern kann, verändern muss!

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© Henri Fruneau

HF: Sie haben im Burgtheater und im Volkstheater gespielt, den zwei größten und bekanntesten Theatern Österreichs. Das ist für eine_n Schauspieler_in ja gewissermaßen der Höhepunkt einer Karriere. Was ist der nächste Schritt? Wovon träumen Sie noch?

SR: Ich wünsche mir von ganzem Herzen, dass ich mit diesem, dem schönsten Beruf den ich mir vorstellen kann, glücklich sein kann. Dass ich nicht aufhöre weiter zu streben, zu kämpfen, an mir zu arbeiten und offen bleibe für jede neue, andere Herausforderung, die sich mir in meiner weiteren Schauspielerarbeit noch stellen wird.

HF: Für welche_n Film-Regisseur_in würden Sie gerne drehen? Mit welchen Schauspieler_innen?

SR: Also drehen würde ich gerne mit Woody Allen. Weil mich viele seiner Filme auf eine ganz menschliche, einfache, tolle Art und Weise berühren und ich das Gefühl habe, dass sich viele Spieler bei ihm wirklich vor der Kamera frei spielen können. Und mit Michael Haneke, weil er Spieler auf eine Art und Weise fordert und an neue Punkte bringt, die mich unglaublich reizen würde einmal selbst zu erfahren!

Ich würde gerne mal mit Jörg Hartmann drehen, den finde ich sehr toll. Und, wenn man schon träumen darf, dann gerne mal mit Kate Winslet und natürlich Meryl Streep…..

HF: Ich habe in einem Artikel gelesen, dass Sie Schweden lieben. Welche Schweden-Tipps würden Sie den Leser_innen des MEGEN-Blogs empfehlen?

SR: Ich finde Schweden als Land einfach unfassbar faszinierend, die Landschaft, diese Weite, diese Ruhe und Bescheidenheit, die dort herrscht. Das erdet unfassbar und beruhigt. Und ich finde die Menschen strahlen etwas ganz besonderes aus. Ich würde auf jeden Fall die Landschaft dort empfehlen, sich da ein kleines Ferienhaus im Nirgendwo zu nehmen und einfach die Natur sehen und der Stille lauschen. Das kann man in Schweden finde ich so gut wie sonst kaum irgendwo.

Portrait chinois

Um den Leser_innen des MEGEN-Blogs Stefanie Reinsperger auf einer lustigen Weise bekannter zu machen, würde ich gerne eine Art „Portrait chinois“ machen.

Wäre ich ein Film, so wäre ich… Finding Nemo

Wäre ich ein Tier, so wäre ich… Schmetterling

Wäre ich ein Verb, so wäre ich… sprudeln bzw. sprudelnd

Wäre ich ein Wiener Bezirk, so wäre ich… der 7. Bezirk!

Wäre ich ein Bier, so wäre ich… Gösser RADLER kein Bier!

Stefanie Reinsperger ist dieses Jahr noch im Wiener Volkstheater zu sehen: sie spielt derzeit u.a. Medea in dem gleichnamigen Stück von Franz Grillparzer. Ab der Spielzeit 2017/18 wird sie ans Berliner Ensemble wechseln. Wir wünschen ihr viel Erfolg und Glück!

Henri Fruneau

Volkstheater

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3 réponses à “Stefanie Reinsperger, der Schwarm des Wiener Volkstheaters

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